Aufruf zum Seitenwechsel unserer Kinder

von Stefanie Köpfli

Seit 2001 findet in der Schweiz jeden November der nationale Zukunftstag statt. Ursprünglich war das ein sympathischer „Vater-/Tochtertag“ – Väter nahmen ihre Töchter mit an den Arbeitsplatz, um ihnen zu zeigen, wie ihre Arbeitswelt aussieht. Heute heisst das Ganze „Zukunftstag“ und soll allen Kindern ermöglichen, die Berufe der Eltern oder andere spannende Alternativen kennenzulernen. So weit, so gut.

Doch wie so oft in unserem Land, wenn Fördergelder und Gleichstellungsbüros im Spiel sind, hängt der gesunde Menschenverstand irgendwo zwischen Formular und Förderkonzept.

Ich selbst arbeite als Frau in der Haustechnik – also in einer Branche, in der über 80 Prozent Männer tätig sind. Mein Sohn, zwölf Jahre alt, wollte letztes Jahr mit mir mitkommen. Ich war stolz auf ihn: ein Junge, der Handwerker werden möchte.

Dieses Jahr wollte er den Tag gerne bei einem Elektriker verbringen, weil ihn dieser Beruf besonders interessiert. Ich suchte nach einem passenden Platz – und wurde auf der offiziellen Zukunftstag-Website fündig: vier freie Plätze bei einem Elektrikerbetrieb in der Region. Perfekt!

Wir klickten uns durch die Anmeldung. Doch sobald wir bei „Geschlecht: Junge“ ankamen, passierte etwas Merkwürdiges: Die freien Plätze schrumpften plötzlich auf null. Wenn wir „Mädchen“ auswählten, waren sie wieder verfügbar.

Für uns war klar: ein technischer Fehler. Also rief ich bei der Organisation an - schliesslich wird sie grosszügig vom Bund und Kantonen finanziert.

Die freundliche Stimme am Telefon versicherte mir fröhlich, die Website funktioniere tadellos. Das Motto heisse dieses Jahr nämlich „Seitenwechsel“. Also vermittle man nur Mädchen in Männerberufe und nur Jungs in Frauenberufe. Mein Sohn dürfe also nicht mit einem Elektriker mit – aber er könne gerne am Programm teilnehmen als Florist, im Altersheim oder in einer Kita.

Man wolle schliesslich den „Seitenwechsel“ fördern.

Ich musste lachen. Mein Sohn weniger. Er wollte keine Seite wechseln. Er fühlt sich auf seiner Seite pudelwohl – mit Werkzeugkasten statt Windeltuch.

Wenn ein staatlich gefördertes Programm es einem elfjährigen Jungen verunmöglicht, einen handwerklichen Beruf kennenzulernen, während dieselbe Politik gleichzeitig über Fachkräftemangel jammert, dass hat nichts mit Gleichstellung zu tun, das ist Diskriminierung auf höchster Stufe.

Vielleicht sollten die Verantwortlichen selbst einmal den Seitenwechsel wagen – raus aus der ideologischen Blase, rein in die Realität. Und zurück zum gesunden Menschenverstand.

Denn echte Gleichberechtigung entsteht nicht durch Zwangsumverteilung von Praktikumsplätzen, sondern durch Freiheit – die Freiheit, den Beruf zu wählen, für den man sich begeistert.

Und mein Sohn begeistert sich nun mal für Strom, nicht für Stoffwindeln.

Stefanie Köpfli

Grossrätin im Kanton Aargau - Politische Seite einer SVP Frau im Grossen Rat.

https://www.Stefanie-kopfli.com
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